25.6.06  

Suche Venedig, biete Berlin

Das amerikanische Modell des Häusertauschs kommt auch in Deutschland in Mode. Für wenige Wochen oder Tage wohnen Urlauber in fremden vier Wänden

Die Idee reifte auf einem Campingplatz in Dänemark. Es regnete und regnete, an Strandspaziergänge war nicht zu denken. Mit den drei Kindern im engen Wohnwagen wollte keine Urlaubsstimmung aufkommen. Damals beschlossen Maria und Heribert Grieser, sich im nächsten Urlaub auf ein Experiment einzulassen, den Haustausch.
 

Die Griesers bieten seither ihr Eigenheim in einer Haustauschbörse an. Für drei oder vier Wochen im Jahr wechseln sie den Wohnsitz mit einer anderen Familie irgendwo in Europa oder der übrigen Welt. "Bedenken, unser Haus Fremden zu überlassen, hatten wir schon. Aber nach Gesprächen mit erfahrenen Haustauschern haben wir den Schritt gewagt und das nicht bereut", berichtet Maria Grieser.
 

Bereits 23mal hat die Familie seit 1993 durch Vermittlung über Homelink in fremden Betten geschlafen, in manchen Jahren fuhren die fünf sogar dreimal in die Ferien. Nach Belgien führte sie ihre erste Reise als Haustauscher, danach urlaubten sie in Kanada, Schweden, Norwegen, Spanien und Italien.
 

In den USA und Großbritannien ist der Immobilientausch seit Jahrzehnten populär. Auch in Deutschland wachsen die Anhänger des Hauswechsels. Homelink, die größte Tauschbörse mit weltweit 16 000 Mitgliedern, hat in Deutschland mittlerweile rund 1000 Teilnehmer. "Das sind nicht unbedingt Leute, die sparen müssen, sondern viele Ärzte, Lehrer, Ingenieure und Pensionäre mit gehobenem Einkommen und gehobener Bildung. Sie schätzen den Individualurlaub", sagt der Gründer von Homelink Deutschland, Manfred Lypold. Nicht nur Häuser und Wohnungen können getauscht werden, sondern auch Ferienhäuser.
 

Die Fußball-Weltmeisterschaft beflügelt den Immobilienwechsel in Deutschland zusätzlich. Während sonst vor allem die Hauseigentümer aus München oder Heidelberg leicht Tauschpartner aus Übersee begeistern können, stehen derzeit auch andere Standorte hoch im Kurs, berichtet Manfred Lypold. So urlaubt eine Leipzigerin gerade im sonnigen Kalifornien. Sie wollte dem Fußballtrubel entkommen, während ihre amerikanischen Gastgeber Karten für die Weltmeisterschaft ergattert hatten. 180 Häuser und Wohnungen an den Fußballspielstätten wurden bei Homelink angeboten und zum großen Teil auch vermittelt.

Auf die Idee des Austausches kam der New Yorker Lehrer David Ostroff. 1953 tippte der Gründer von Homelink erstmals auf seiner Schreibmaschine die Adressen von Kollegen an der Ost- und Westküste ab, die tauschen wollten. Der Kreis wuchs schnell. Selbst Prominente wie Ex-US-Präsident Jimmy Carter trugen ihre Anwesen ein. Die Idee sprang nach Großbritannien und auf weitere Länder über.
 

Seit der Verbreitung des Internets boomt der Hauswechsel. Früher wurden vor den Ferien lange Korrespondenzen geführt, heute verabreden sich die meisten Hausherren per E-Mail. Wer seine Bleibe für ein Wochenende oder länger wechseln will, muß Mitglied einer Tauschbörse werden und sein Domizil einstellen. "Man sollte beim Reiseziel allerdings flexibel sein, vor allem im Süden ist es schwierig, etwas zu finden. Dort schreiben viele Hausbesitzer gar nicht mehr zurück, weil sie so viele Anfragen bekommen", berichtet Maria Grieser.
 

Einen Reinfall hat die Familie bei den Tauschreisen noch nicht erlebt. Ärgerlich war es jedoch, in Kopenhagen in einer Wohnung zu nächtigen, wo gerade die Fenster gewechselt wurden. Alles war voller Staub, und die Mieter hatten darüber nicht informiert. "Ansonsten sind die Vorstellungen über Sauberkeit und Ordnung manchmal unterschiedlich, aber man sollte tolerant sein, schließlich haben wir ja auch eine kostenlose Bleibe", sagt sie.
 

Um die Sicherheit ihrer Häuser vor Diebstählen oder Schäden sorgen sich viele Hausherren. "Ein Raub oder Diebstahl ist in über 55 Jahren noch nie vorgekommen. Das wäre auch schwierig, da uns alle Daten beider Partner vorliegen", beschwichtigt Manfred Lypold. Böse Überraschungen könne man durch gute Vorbereitung ausschließen. Viele Partner korrespondierten schon lange vor dem Urlaub und bekämen so einen genauen Eindruck voneinander.
 

Die meisten Schäden seien während der Anwesenheit der Tauschfamilie durch die Hausratversicherung des Gastgebers und die Haftpflicht des Gastes gedeckt. Häufig tauschen beide Seiten auch ihre Autos aus. Dann müssen zusätzliche Vereinbarungen für den Fall eines Schadens getroffen werden.
 

Solcher Ärger blieb den Griesers erspart. Mit der Zeit hat Maria Grieser gelernt, den Interessenten ihr Haus im Norden Schleswig-Holsteins schmackhaft zu machen. "Das ist ja nicht gerade die gesuchte Urlaubsgegend", sagt sie. Aber die Nähe von Nord- und Ostsee und Hamburg sei für viele Besucher attraktiv. In diesem Jahr ist der Austausch mit einem französischen Paar gelungen. Diesmal zieht es die Griesers nach Paris. Ein 120-Quadratmeter-Appartement über den Dächern der Stadt lockt. Susanne Ziegert


Artikel erschienen am 25. Juni 2006

 

Zurück zu den
Pressestimmen