vom 30. Mai 2008  

HAUSTAUSCH IM URLAUB

Der Gast in meinem Bett

Von Reinhild Haacker

Suche Luzern, biete mein Haus in Lübeck: Nach dem Tauschprinzip verbringen jedes Jahr Tausende von Urlaubern ihre Ferien. Vor allem Familien haben den Reiz fremder vier Wände für sich entdeckt. Wohin die Reise geht, entscheidet jedoch oft der Zufall.

Munteres Gezwitscher überlagert die wichtigen Verhandlungen am Küchentisch der Familie von Sandra Albert und Norbert Franke. Im Käfig an der Wand vertreten die Wellensittiche Fritz und Billie lautstark ihr Mitspracherecht, während die Eltern mit ihren drei Kindern am Laptop nach Urlaubszielen forschen. Gern möchten die fünf Lübecker nach Kopenhagen, in die Alpen oder vielleicht sogar nach Kanada - doch wohin die Reise in diesem Sommer geht, bestimmen weder Prospekte noch Preislisten: Die Alberts sind Tauschurlauber.

HAUSTAUSCHURLAUB: URLAUB IM FREMDEN ZUHAUSE

"Luzern war klasse", sagt Pit, 16 Jahre alt. "Und Quedlinburg", sagt die zwölfjährige Jule. Die Stadt im Harz hat es der ganzen Familie angetan. Mutter Sandra lobt die tolle Natur und die schönen alten Gebäude, während Jule die Indoor-Spielplatz-Qualitäten ihres Feriendomizils in bester Erinnerung hat: "Dort gab es ein eigenes Kletterzimmer", sagt sie. Inzwischen haben die Lübecker schon fünfmal anderen Familien ihre vier Wände in überlassen, um zeitgleich die Heimat ihrer Gäste zu erkunden.

Vor allem Familien sind es, die diese alternative Urlaubsform wählen, wie Manfred Lypold erklärt. Lypold erfuhr in den siebziger Jahren zufällig vom Haustausch und gründete - neben seinem Job als Nachrichtentechniker - in Deutschland einen Ableger der in Brüssel ansässigen Organisation Homelink. Der Verein betreibt inzwischen die größte Haustauscher-Datenbank in Deutschland mit über tausend Inseraten. Das Prinzip: Der Urlaub ist kostenlos, nur für die Anzeige wird eine jährliche Gebühr erhoben.

Die geringen Kosten sind nach Ansicht von Sandra Albert und Norbert Franke nur einer von vielen Vorteilen. Der Wichtigste ist: Vom ersten Tag an finden die Kinder Pit, Jule und Michel die komplette Infrastruktur vor - inklusive Spielzeug, gleichaltriger Nachbarkinder und Internetanschluss zum Chat mit den Kumpels. Und um die Haustiere kümmern sich derweil die Gäste in der Heimat.

Finanzielle Erwägungen spielen selten eine Rolle, bestätigt Homelink-Sprecher Lypold, der zurzeit als Haushüter auf Mallorca Urlaub macht - auch das gehört zu den Varianten des Haustauschens. Zunehmend gehören übrigens Rentner zum Kundenkreis, die nach ihrem Arbeitsleben die Welt kennen lernen wollen.

Urlaubsfeeling im Supermarkt

Der Reiz, das Urlaubsziel aus der Perspektive der Einheimischen zu erleben, ist für den 16-jährigen Pit ein wichtiges Argument: "Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn man da wohnen würde", sagt er. Seine Mutter fügt hinzu: "Es ist spannend, in einem anderen Land oder einer anderen Stadt zu sein, dort gemeinsam zu kochen und dafür einzukaufen. In einem Supermarkt erfährt man enorm viel über die Menschen und die Kultur."

 

Zurück zu den
Pressestimmen

 Startseite