

| Tausche Zimmer gegen Villa
von
HANS CHRISTOF WAGNER |
Privatleute bieten ihre Häuser als
Ferienunterkünfte im Internet an. So entsteht ein weltweites
Beziehungsnetz.
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Was
darf's denn sein: ein Anwesen bei Genf? Ein Liegeplatz in
Mexiko? Ein Landhaus in Südengland? 
Fotos: Homelink

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Annemarie Jacobs weiß es noch gut. Wie Freunde
und Verwandte sie und ihren Mann für wahnsinnig hielten. Lassen die
bei sich irgendwelche Fremden wohnen, Engländer obendrein. Menschen,
die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Wider alle Zweifel an ihrem
Geisteszustand ließ sich die Familie aus Hamburg darauf ein: Sie
tauschte ihre Fünfzimmerwohnung gegen ein britisches Reihenhaus in
Rugby/Mittelengland, für vier Wochen.
Vier Wochen im Hotel oder in einer Ferienwohnung hätten sie sich
nicht leisten können. Sie haben Coventry besucht, die von den
Nazis als erste „ausradierte“ Stadt. Der Krieg war erst 20 Jahre
aus, und doch: „Nachbarn haben uns alles gezeigt, uns Touren für
Ausflüge zusammengestellt, erzählt, wo man am besten einkauft“,
erinnert sich Annemarie Jacobs. Aus dem Häuser-/Wohnungstausch im
Jahre 1965 hat sich dann eine jahrzehntelange Freundschaft
ergeben.
Auch die Gills aus Staufen in Südbaden pflegen noch
freundschaftliche Bande zu ihren ersten Tauschpartnern, einer
Familie aus Kalifornien. Sie machen seit
1991 bei Homelink mit, der größten Häusertauschbörse mit
weltweit 13000 Tauschobjekten. 800 Seiten ist die Ausgabe 1/2006
des Homelink-Katalogs dick. Homelink
International veröffentlicht ihn jedes Jahr zweimal neu, will als
Aushängeschild und Referenz zum Anfassen nicht darauf verzichten.
Doch das Geschäft findet immer mehr im Netz statt. Mussten die
Jacobs' in den Sechzigern noch Briefe und Fotos per Schneckenpost
schicken, bahnt heute Karin Gill Tauschgeschäfte nur mehr übers
Internet an. An E-Mails hängt sie eine Präsentation dran, eine
Datei als Anhang. Fotos vom Haus und von der Umgebung sind darin,
praktische Tipps für Ausflüge, zum Essengehen und Einkaufen. Sie
hat eine 68-jährige Rentnerin aus Florida überreden können, sich
PC und Internetanschluss zuzulegen. Und die 54-Jährige sagt von
sich: „Ich bin über Homelink selbst mit dem Internet vertraut
geworden.“
Das Medium dient dem elektronischen Handel, der
Partnervermittlung, als virtuelles Auktionshaus. Doch wohl mit
keiner Branche scheint das Internet eine idealere Symbiose
eingegangen zu sein als mit der Organisation globaler
Gastfreundschaft. Homelink und Intervac, die beiden in
Deutschland wichtigsten Häusertauschbörsen, sind 1953 gegründet
worden. Servas, auch nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, gilt
als Urform von jener Organisation, die ihre Mitgliederzahl seit
Januar, also binnen eines Dreivierteljahres, verdoppelt hat.
Hospitality Club (HC) heißt sie, 2000 gegründet. Man kann sie
Reisenetzwerk nennen. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Sie werben
nicht mit Mahatma Gandhi wie Servas, aber sie haben die gleiche
Botschaft: Wer auf meiner Couch geschlafen hat, kann kein
schlechter Mensch sein. Wer weltweit Freunde hat, zieht in keinen
Krieg mehr. „Mit 22 Jahren ein Netzwerk zu gründen, bei dem fast
200000 Menschen in über 200 Ländern mitmachen, wäre ohne Internet
undenkbar“, sagt der heute 28-jährige HC-Gründer Veit Kühne aus
Dresden. Und Daniela Gocker, Mitarbeiterin von Homelink
Deutschland mit Sitz bei Bamberg, weiß: „Das Internet hat uns
populär gemacht.“ ... Vieles
möglich ist auch bei Homelink. Noch immer ist der klassische,
also zeitgleiche Häuser-/Wohnungstausch der Schwerpunkt. Doch auch
das zeitversetzte Tauschen, also während der Tauschpartner selbst
auch zu Hause ist, wird angeboten. Es gibt in der Datenbank eine
„Last Minute“-Rubrik. Es werden Ferienhäuser und Autos in den
Tausch einbezogen. Viele nutzen das Netzwerk und fragen bei den
Mitgliedern an, wer Lust hat, Housesitter zu werden. So kann man
gegen ein paar Pflichten weltweit mobil sein, auch ohne Immobilien
zu tauschen. Und die Hausbesitzer sind sogar dankbar dafür.
Überhaupt: Auch wer nur eine Zwei-Zimmer-Mietwohnung einbringt,
kann dafür eine Luxusvilla mit Pool bekommen.
Noch detaillierter und ohne Abkürzungen nachschlagen zu müssen wie
im gedruckten Katalog, kann man online alle Infos einsehen – die
Ausstattung des Hauses und was die Umgebung bietet. Falls
vorhanden, gibt es Links zu den privaten Webseiten des
Tauschpartners. Und: Bisher heißt es nur „Referenzen vorhanden“.
Die sollen laut Mitarbeiterin Daniela Gocker wie bei Ebay und HC
bald auch für die Mitglieder lesbar sein.
Sie machen sich das weltweite Datennetz zunutze, die globale
„Generation “. Fragt man Veit Kühne, ob er seinen
Gastfreundschaftsclub als Teil des unter dem Label Web 2.0
gehandelten Mitmach-Internets betrachte, wehrt der ab. Sie machen
es sich zunutze, sie sind aber keine bleichgesichtigen
Stubenhocker, die sich nur virtuell begegnen. Wenn man mit Kühne
spricht, dann lösen sich sämtliche Einwände, Bedenken, Zweifel
bald auf. Ach, möchte man seufzen, schön, dass es so etwas Gutes
noch gibt, im 21. Jahrhundert, im Jahrhundert globaler Ängste. In
einer Zeit, die vor dem Einbruch des Fremden zittert, die bärtige
Männer mit Misstrauen straft, in abgestellten Koffern die
potenzielle Bombe sieht, gibt es Menschen, die trotzdem ihre
Häuser Fremden überlassen. Wächst die Zahl derer, die mit Leuten
fraternisieren, mit denen sie zunächst nicht mehr verbindet, als
in derselben Online-Datenbank eingetragen zu sein.
Unhierarchisch, antikommerziell, authentisch ist die HC-Welt. Und
sie ist nicht nur ein reines Studi-Netzwerk. Der
Altersdurchschnitt steigt beständig. „Bringing people together“
ist das Motto des Clubs. Niemand „macht“ derlei Stimmungen und
Emotionen, es steckt kein Marketing dahinter, hinter einer im
Grunde alten Idee. Die Partystimmung der WM ist vorbei. Die
sprichwörtliche „German Angst“ hat uns wieder fest in den Klauen.
Doch ein Motto des großen Fußballfestes bleibt: Die Welt zu Gast
bei Freunden – in der Gemeinschaft der Häusertauscher und HCler
lebt das Motto fort.
Externe Links:
www.homelink.de,
www.intervac.com,
www.hospitalityclub.org
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© Rheinischer Merkur
Nr. 42, 19.10.2006
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