Presseartikel

"Erfahrungen eines Journalisten" von Peter Woeste, Marburg/Sydney

Für 120 € und viel Vertrauen eine Ferienwohnung in Australien

Natürlich waren wir skeptisch. Nachbarn hatten uns abgeraten, Freunde nur bedenklich den Kopf geschüttelt. Mit einer australischen Familie hatten wir einen Haustausch vereinbart. Unsere Wohnung gegen ihre, dazu noch unser alter Audi gegen einen Ford im fünften Kontinent. In zwei Briefen hatten wir uns miteinander angefreundet, und auf den ausgetauschten Fotos machten die Australier einen freundlichen Eindruck. Die Idee, Häuser zu tauschen,kommt aus den angelsächsischen Ländern und hat sich vor allem in den USA verbreitet. Warum die eigene Wohnung leer stehen lassen und am Ferienort teure Mieten zahlen? "Aber wer garantiert, daß die nicht die ganze Bude ausräumen?". "Niemand!" mußten wir Freunden und Verwandten antworten. Eine Garantie für solide Tauschpartner gibt auch Manfred Lypold, der Leiter der deutschen Sektion des internationalen Haustauschringes nicht. Doch bislang seien ihm keine Klagen bekannt geworden, sagt er. Langsam, aber stetig, wächst daher auch die Zahl der Tauschinteressenten in Deutschland. Die kostenlose Unterkunft ermöglicht Fernreisen, die so manche Brieftasche ansonsten doch überstrapazieren würden.
Ein knappes Dutzend Adressen aus den Antipoden entsprachen unseren Vorstellungen. Mit einem persönlichen Brief, ein paar Fotos, den Umschlag mit einer bunten Briefmarke versehen, stellten wir uns vor und warben für einen Urlaub in der altehrwürdigen Universitätsstadt aus dem Land der Gebrüder Grimm.Schon nach zwei Wochen kamen die ersten Antworten. Mit Kath und Stan arrangierten wir schließlich den geplanten Tausch. Wir würden allerdings bereits in Australien sein, bevor sie nach Deutschland abfahren könnten. Nach 30 Stunden Flugzeit erreichen wir "Down Under". Wie lange Zeit vermißte Verwandte begrüßen uns unsere Gastgeber. Sie hatten über dreihundert Kilometer Anfahrt hinter sich und waren wegen unserer Ankunft in den frühen Morgenstunden schon am Abend zuvor nach Sydney gekommen. Mehrere Tage führten sie uns herum, kosteten mit uns Wein bei kleinen Winzern und schlürften mit uns Austern aus Zuchten des fünften Kontinents. Wenige Tage später ging es mit Stan`s Wagen und zahlreichen Kontaktadressen in das Landesinnere, ins Outback. Weitergereicht von Adresse zu Adresse, sahen wir Teile Australiens, sahen die einem Normaltouristen verborgen bleiben. Bei einer anderen Familie waren wir über die Weihnachtstage zu Plumpudding und Truthahn eingeladen. Mit einer dritten durchwanderten wir die Snowy Mountains, das australische Skigebiet. Schließlich genossen wir die Annehmlichkeiten einer Einliegerwohnung mit Swimming-Pool am Bondi Beach in Sydney. Nie haben wir das Gefühl, Touristen zu sein. Die jeweiligen neuen Nachbarn waren vielmehr begierig, uns zu helfen. Der Hinweis auf die deutsche Herkunft erwies sich als besonders vorteilhaft, fast jeder Aussie konnte zumindest einen deutschen Großvater nachweisen. Unsere Bekannten waren unterdessen in Deutschland auf der Suche nach der "German Gemütlichkeit." Angesichts der Großzügigkeit unseren Aufnahme waren wir froh, nicht ängstlich Wertsachen weggeschlossen und eine kalte, leergeräumte Wohnung überlassen zu haben. Eine Checkliste mit wichtigen Hinweisen, etwa auf das klemmende Garagentor, auf die Funktion der den sonnenverwöhnten Gästen unbekannten Zentralheizung und mit der Telefonnummer des Klempners hatten wir vorsichtshalber bereitgelegt. Penibel aufgeräumt fanden wir unsere eigenen vier Wände wieder vor. Auf dem Eßtisch grüßten einige gute Tropfen Riesling; der Wagen, mit dem Kath und Stan in Paris, Genf und Wien erkundet hatten, war wieder vollgetankt. Für die Autos hatten wir vorsichtshalber gegenseitig Vollkasko-Versicherungen abgeschlossen. Inzwischen stehen wir mit einer eigenen Anzeige mit Tauschbuch. Schon wenige Wochen nach Erscheinen des neuen Kataloges, den jeder Inserent kostenlos erhält, lockten uns mehr als 20 Briefe zu Reisen in die ganze Welt.

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