HÖRZU Dez. 93
Sie machen Urlaub im Haus von Mr. Smith in Kanada, zugleich wohnt er bei Ihnen. Beide zahlen nur die Anreise, und ihre Wohnung ist versorgt.


HÖRZU  Juli 99    "Tausche Wohnung gegen Villa"
Sie kennen sich nicht. Und sie werden sich wohl auch niemals treffen. Trotzdem tauschen sie ihre eigenen vier Wände miteinander: Stadtwohnung gegen Landvilla, Hamburg gegen Oxford. Im August ist es soweit. Dann ziehen Heidrun und Martin Ketels für zweieinhalb Wochen nach England, in das Haus von Anna und Mike Cahill. Die machen es sich derweil im Appartement an der Elbe gemütlich. Klingt verrückt, kostenloser Wohnungs- oder Haustausch auf Zeit, klappt aber perfekt. Die Jahre, in denen diese Ferienform noch mit dem Mief alternativer Konsumverweigerer umnebelt war, sind längst vorbei. Statt enger Studentenbuden mit Mobiliar vom Sperrmüll sind häufig sogar Luxusdomizile mit Limousine und Pool im Angebot. "Allein in unserem Hauptkatalog stehen etwa 8000 Eintragungen aus über 50 Ländern", sagt Manfred Lypold, 50, Sprecher des Vereins. Die Agentur der weltweit größten und ältesten Wohnungstauschbörse HomeLink International ist seit 1977 auf dem deutschen Markt aktiv. "Es funktioniert ganz einfach: Man schaltet einmal im Jahr bei uns eine Wohnungsanzeige mit Farbfoto, zahlt 220 Mark dafür und erhält gleichzeitig den Tausch und Ergänzungskatalog" sagt Lypold. "Außerdem steht man damit in der Internet-Datenbank." Ihr Traumquartier suchen sich die Vereinsmitglieder anschließend selbst aus dem 540 Seiten dicken Buch heraus, von Florida bis Südafrika. Details wie Tauschabwicklung, Terminabsprache und Schlüsselübergabe organisieren die Tauschpartner selbständig und provisionsfrei. Zusätzliche Kosten gibt es nicht. Selbst Handtücher und Bettwäsche werden vor Ort immer gegenseitig gestellt. Das Ehepaar Ketels schwört bereits seit fast zehn Jahren auf das Tauschgeschäft. "Das System bietet doch nur Vorteile", sagt Heidrun Ketels. "Man wohnt umsonst und trotzdem komfortabel, lebt nicht mitten im Touristenghetto' und die eigene Wohnung wird währenddessen sogar noch bewacht." Amerika, die Niederlande, Spanien und Italien haben sie so schon bereist - jeweils mit entsprechendem Gegenbesuch in Deutschland. Und nie gab es einen Grund zur Klage oder Reue? "Nie", versichert Martin Ketels. "Man verhält sich eben so, als ob man bei guten Freunden das Haus hütet." Das Prinzip Vertrauen gegen Vertrauen scheint zu funktionieren. Weder Verbraucherzentrale noch Stiftung Warentest sind irgendwelche Beschwerden bekannt. "Sollte dennoch mal etwas kaputtgehen", so Manager Lypold von HomeLink "kommt im Normalfall die eigene Hausrat- oder Haftpflichtversicherung dafür auf. Zusätzlich stehen den Mitglieder für den Fall eines Schadens aber auch 5000 Mark aus einem Garantiefonds zur Verfügung."
Der Ausflug in private Wohnstuben boomt. Marktführer Holiday Service verzeichnet inzwischen jährlich einen Zuwachs von zehn Prozent. "Einen Nachteil", findet Martin Ketels, "kann man höchstens durch den Wohnungsstandort haben. Heidelberg und München sind für Amerikaner zum Beispiel attraktiver als Norddeutschland." Für ihr nächstes Wunschziel England mußten Ketels aus Hamburg dann auch mehrere Anfragen aussenden, bis die endgültige Tauschzusage eintraf. Daß ihre dreieinhalb Zimmer manchmal vergleichsweise bescheiden wirken, hat sich trotzdem noch nicht negativ ausgewirkt. "Ein US-Manager hat uns erst kürzlich sein Haus in Ohio mit fünf Schlafzimmern, sechs Bädern und sündhaft teuren Möbeln sowie Skulpturen angeboten", berichtet Heidrun Ketels. Aus dem Tausch wurde nichts, denn die Hamburger wollen lieber England erkunden. Daß in Oxford eine Villa auf sie wartet - reiner Zufall. Schließlich sind sie neugierig auf Land und Leute, weniger auf ihre Austauschwohnung.

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