

Frankfurter Rundschau
vom 22. Juli 1995 Seite M
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Willkommene Fremde im eigenen Haus
Wohnungstausch auf Urlaubszeit: Eine Idee aus Amerika macht auch in Deutschland
allmählich Schule.
Pappige Brötchen und lauwarmer Kaffee am Morgen und danach die Schlacht um den Liegestuhl
am Swimmingpool: Zu überteuerten Hotels und Massentourismus gibt es eine in Deutschland
noch wenig bekannte Alternative: Der Haustausch auf Urlaubszeit: Die Idee, für die
schönsten Wochen des Jahres mit Partnern im In- und Ausland das Heim zu tauschen, ist
naheliegend. Schließlich läßt jeder Urlauber neben dem Alltagsstreß auch eine leere
Wohnung oder ein leeres Haus zurück. Tausende von Quadratmetern liegen brach. Das ist
teuer und lockt Einbrecher. Wer dagegen sein Domizil einer Gastfamilie überläßt und im
Gegenzug deren Heim im In- oder Ausland bewohnt, hat viele Vorteile auf seiner Seite. Er
hat eine billige weil mietfreie Urlaubswohnung, schließt Kontakt zu den Einheimischen und
lernt den Lebensstil des Gastlandes viel intensiver kennen als ein Pauschaltourist.
Zusätzlicher Pluspunkt: Haus und Hof samt Blumen und Haustiere zu Hause sind bestens
versorgt. Haupteinwand gegen die Fremden im eigenen Haus ist die Angst vor
Beschädigungen. Doch die Erfahrung hat gezeigt, daß das Mißtrauen unbegründet ist.
Schließlich basiert der Haustausch auf Gegenseitigkeit.Zudem gibt es eine rote Liste für
schwarze Schafe. Natürlich kann trotzdem mal eine Kanne zerbrechen oder ein Fleck auf dem
Teppich entstehen. Die Wohnung während der Urlaubszeit drei oder vier Wochen leer stehen
zu lassen, ist aber in keinem Fall sicherer . Das Angebot reicht dabei von Australien bis
Zimbabwe. Die Auswahl ist trotzdem begrenzt, denn den Löwenanteil machen Tauschangebote
aus den USA und Großbritannien aus. Deutschland ist mit
ca. 1000 Adressen vertreten, in
Griechenland bieten insgesamt nur knapp 60 Mitglieder ihre Häuser zum Tausch an. Wer also
seine Ferien im Leihhaus oder in einer Leihwohnung verbringen will, sollte kein ganz
ausgefallenes Urlaubsziel vor Augen haben.
Autor: Alrun Juppe
*********************************** Frankfurter Rundschau,
Magazin Seite 8 vom 5.1.2002
Tausche Ruhrpott-Bude gegen Villa
unter Palmen - für ein paar Urlaubswochen ist das kein Problem. Falls
man dann noch entspannen kann. Denn im eigenen Heim hat es sich derweil
eine andere Familie bequem gemacht.
Eigentlich sind die Mertens Musiker und wohnen in Bonn zwischen
Notenstapeln und antikem Cembalo. Fuer zwei Wochen sind sie jedoch in
eine reetgedeckte Kate nach Daenemark gezogen. Dort hatten sie gackernde
Zwerghuehner, eine Vitrine mit runzligen Plastik-Trollen, gebrauchte
Fahrraeder und einen aufgemalten Sternenhimmel über der Schlafkoje. Die
daenischen Katenbesitzer machten es sich indessen bei den Mertens in
Bonn bequem, lagen in deren Betten, genossen die Panorama-Terrasse
und verwoehnten den zurückgelassenen Kanarienvogel Pinky. Obwohl sich
die Familien vorher nicht kannten, hatten sie für kurze Zeit ihre
Wohnungen getauscht. Gefunden haben sie sich ueber den
gemeinnuetzigen Verein "Homelink", der vor 49 Jahren in den
USA entstanden ist und heute Tauschpartner in 50 Laendern vermittelt. Da
gibt es Studentenbuden in Paris, Wohnungen im Ruhrpott, norwegische
Huetten, Haeuser in Mexiko, Polen, Australien, den USA und auf
Karibik-Inseln. Die Mitglieder erhalten die Angebote fuer 100 Euro
jaehrlich in telefonbuchdicken Katalogen, oder ueber eine
Internet-Datenbank. Dann
heisst es ' Briefe schreiben, Kontakte knuepfen und den richtigen
Tauschpartner finden.
"Der Daenemark-Urlaub mit den Zwerghuehnern war ein voellig
gegluecktes Experiment", sagt Georg Mertens ' heute, wenn er das
Foto-Album durchblaettert. Ein bisschen Sorgen hatte er sich vor diesem
ersten Tausch schon gemacht - wer weiss, wen man da ploetzlich im
Wohnzimmer sitzen hat? Nach vier weiteren Tausch-Urlauben sieht er das
lockerer. Seine Ferien auf
andere Art zu verbringen findet er mittlerweile langweilig. Man taucht
nur so richtig in das Leben der Leute ein. Und uns gefaellt die
Gastfreundschaft: Man versucht, sich gegenseitig zu uebertreffen, hinter
laesst Wein, eine erste Mahlzeit und schreibt Geheimtipps fuer die
Umgebung auf" Zudem kostet die Ferien-Unterkunft keinen Pfennig.
Manchmal ist bei den Haeusern ein Swimmingpool oder eine Haushaelterin
dabei, manchmal gibt's nicht mal fliessend warmes Wasser - wie in dem
toskanischen
Landhaus, das Mertens 1997 in den Osterferien eingetauscht hatten.
"Es war trotzdem genial", sagt Georg Mertens. "50 000
Quadratmeter Grund mit Olivenbaeumen, Weinhaengen und einem
fantastischen Blick auf Monte Sansavino." Die Kinder Max und
Friederike kokelten am offenen Kamin, Georg zapfte im Keller vom
selbstgemachten Wein, und seiner Frau Susanne gefiel das uralte
Doppelbett: "Das war wie bei den Grosseltern. Nebendran lehnte ein
Dreschfluegel, und an der Wand hing ein Jesus-Bild in Oel"
Derweil erkundete das italienische Ehepaar Gionfriddo das Rheinland -
und natuerlich Mertens' Haus. Die 56-jaehrige Renata Gionfriddo freut
sich immer auf den Moment, in dem sie eine voellig fremde Wohnung
betritt: "Das ist einfach' spannend, und man erfaehrt so viel ueber
die andere Mentalitaet. Klar laestert man auch mal und sagt: Oh Madonna,
was fuer eine scheussliche
Tagesdecke! Die wuerde ich mir ja nie uebers Bett legen. Aber gerade das
macht es ja amuesant." Bei den Reisen quer durch Europa waren
manchmal alle fuenf Kinder der Gionfriddos dabei. Aber Renata plagt
manchmal das schlechte Gewissen, weil
sie den auslaendischen Gaesten im Gegenzug nur ihren Zweitwohnsitz auf
dem Land anbietet: "Wir tauschen jedes Jahr und wohnen immer in den
persoenlich eingerichteten Haeusern der Leute. Wer das macht, muss schon
ziemlich offen sein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich unsere
Hauptwohnung hergeben wuerde: Hier steht und liegt mein ganzes Leben
herum!"
Solche Bedenken kennen auch die Mertens. Viele Bekannte haben
fassungslos den Kopf geschuettelt, als sie vom Haustausch erzaehlten:
Die sagen dann: "Um Gottes Willen, da schlafen ja voellig Fremde in
deinem Bett!", sagt Georg. Na
klar, antworte ich, und wenn die gut drauf sind, haben sie sogar Sex in
meinem Bett. Ist doch voellig normal." Er vertraut darauf, dass
Haustauscher eine besondere Spezies von Reisenden sind: In fremden
Wohnungen ist man vorsichtig, geht nicht ans gute Geschirr, trinkt nicht
den teuren Grappa, schnueffelt nicht in geschlossenen Schraenken. In
Daenemark lagen offen Aktenordner rum, die wahrscheinlich
Steuererklaerungen oder Banksachen enthielten. Natuerlich schaut man da
nicht rein", sagt Susanne.
Eine Garantie dafuer gibt's aber nicht. Und bei Buecherregalen kann auch
sie nicht widerstehen weil die auch viel ueber die unbekannte
Tauschfamilie verraten. Gehen sie ins Theater, moegen sie Krimis?
Unterrichten sie Bio und Chemie? In Spanien haben die Mertens auch
einmal insgeheim das Foto-Album herausgezogen und durchgeblaettert.
..Das Ehepaar hatte im Vorjahr in unserem Haus gewohnt. Es war schon
komisch, voellig Fremde auf unserer Terrasse sitzen zu sehen",
gesteht Georg.
Mit der Terrasse mag man noch grosszuegig sein, vielleicht sogar mit dem
eigenen Bett. Tapfere Tauscher ueberlassen den Gaesten aber oft sogar
das Auto. Dann steht ein vollgetankter Gelaendewagen am Flughafen Sidney
bereit, waehrend die Australier im Golf durch Deutschland brettern. Zur
Schadensbegrenzung empfiehlt sich eine Vollkasko-Versicherung. In der
Wohnung regeln Vertraege und Haftpflichtversicherungen moegliche
Probleme. Bei den Mertens ist aber noch nie etwas passiert. "Nur
die Heizstaebe unseres Wasserkochers waren zwei Mal bei der Rueckkehr
schwarz verkrustet. Ein italienisches Ehepaar hat darin immer seinen
Kaffee warm gemacht", erzaehlt Susanne lachend. Doch insgesamt
staunt auch der ehrenamtliche Vorsitzende von "Homelink
Deutschland", Manfred Lypold, wie selten es Probleme gibt:
"Die Leute passen einfach auf, wenn sie woanders wohnen. Und falls,
mal Glaeser kaputt gehen, sorgen sie fuer Ersatz. Das zeigt auch unser
Garantiefonds, der einspringt, falls andere Versicherungen sich weigern.
Er ist in den letzten sechs Jahren nur zwei Mal in Anspruch genommen
worden."
Und manchmal ist es gerade der Wohnungstausch, der vor groesserem
Schaden bewahrt. Lypold kennt einen Fall aus Frankfurt: "Da hat der
Nachbar noch gelaestert: Hast du denn keine Angst, dass diese Amis dir
die Bude ausraeumen?' Dann sind beide in den Urlaub gefahren - und bis
zur Rueckkehr hatten Einbrecher das leerstehende Nachbarhaus gepluendert."
Beim
Wohnungstauscher hingegen waren die Pflanzen gegossen, der Briefkasten
geleert, und im Kuehlschrank lagen Bier und frische Lebensmittel fuer
die Heimkehrer bereit.
Mertens jedenfalls wollen nie wieder in eine teure
Pauschal-Ferienwohnung. Fuer den kommenden Sommer ist schon alles
arrangiert: Weil Tochter Friederike in der Schule Englisch lernt, fahren
sie nach Bristol. "Obwohl's da sicher keine Pizza gibt",
seufzt Nachwuchs-Weltenbummler Max. Er sorgt sich auch um die beiden
neuen Zwergkaninchen: Hoppel und Sina muessen zu Hause bleiben. Und wer
weiss, wie die Englaender ihre Hasen fuettern? "Das wird schon
klappen", sagt Bankmanager David Clegg lachend, der sich schon auf
das Haus der Mertens in Bonn freut. In anderen Haeusern hatten wir schon
Katzen, Meerschweinchen, Hamster. Diesmal deutsche Kaninchen - das ist
doch eine nette Abwechslung im Urlaub!"
Autor:
Dela Kienle
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