vom 14. Aug 2005  Den Original-Artikel als PDF öffnen/ansehen


Biete Dülmen, suche Neuseeland

Haustausch in den Ferien macht Traumreisen erschwinglich. Doch er kostet die Privatsphäre

Beim ersten Mal waren Sigrid und Ekkehard Kreft noch vorsichtig. Das Ehepaar aus Dülmen fuhr nur für ein Wochenende nach Holland in das Haus eines fremden Ehepaars. Das machte sich exakt zur gleichen Zeit auf den Weg nach Dülmen in das Haus der Krefts. "Wir wollten erst mal probieren, ob Haustausch etwas für uns ist", sagt Sigrid Kreft.
 

Als sie zurückkamen, war in ihrem Zuhause alles in bester Ordnung, und das Ehepaar hatte ein erholsames Wochenende in einem schmucken Bungalow verlebt. Premiere geglückt, die Krefts wurden mutiger. Drei Monate später flogen sie ins nächste Tauschhaus - diesmal nach Australien.
 

Sechs Jahre ist das jetzt her. Seitdem haben Sigrid und Ekkehard Kreft 26 Mal in fremden Häusern Urlaub gemacht und ebenso oft ihr Dülmener Domizil anderen überlassen. Sie gehören zu den eifrigsten Haustauschern in NRW. "Wir haben keine einzige schlechte Erfahrungen gemacht", sagt Sigrid Kreft: "Es gibt keine bessere Art zu reisen."
 

Immer mehr Menschen tauschen in den Ferien lieber ihr Haus, als teure Hotels zu bezahlen. Sie schlüpfen in das Nest einer fremden Familie, erleben ein Land im Umfeld von Einheimischen. Der Preis ist die Privatsphäre. Die Tauscher müssen ihr Zuhause öffnen und was ihnen lieb und wert ist Fremden anvertrauen.
 

Die Vermittlung der Tauschpartner übernehmen Organisationen, die gegen 120 Euro Jahresbeitrag die Hausangebote im Internet veröffentlichen und parallel dazu in farbigen Katalogen. Jedes Haus ist von innen und außen abgebildet, außerdem erfährt der Interessent, ob Auto, Garten, Swimmingpool zum Angebot zählen oder Haustiere zu versorgen sind. Für viele Tauscher ist das Blättern in den Schöner-Wohnen-Reisekatalogen schon der halbe Spaß.
 

Die Tauschagenturen verzeichnen Wachstumsraten von jährlich etwa zehn Prozent. Dabei sind die meisten als Vereine organisiert und machen keine Werbung. Sie profitieren von dem, was Haustauscher in Internetforen als "ihre Sucht" beschreiben: Die meisten fahren nie wieder pauschal in Urlaub, lassen sich dagegen in immer entlegenere Erdwinkel treiben, wenn von dort Tauschangebote eintreffen. "Für Deutsche ist es nicht leicht, gute Angebote zu bekommen", sagt Sigrid Kreft, "da muß man aktiv werden, andere anmailen und die Vorzüge seiner Region gut darstellen."
 

Sigrid Kreft hat es darin zu einer gewissen Professionalität gebracht. In ihrem Haus hat sie sich inzwischen ein kleines Büro eingerichtet. Vergrößerte Fotos von Palmen vor sinkenden Sonnen hängen an der Wand, Reiseführer, Ordner, Broschüren füllen die Regale bis unter die Decke. Sigrid Kreft nennt flüssig all die Namen ihrer Reiseziele rund um den Globus, sie ist zu Hause in der Welt. "Man braucht einen Ausgleich, wenn man in den Ruhestand geht", sagt sie. Bis vor ein paar Jahren hat sie in einer Bauverwaltung gearbeitet, ihr Mann war Professor für Musikwissenschaft.
 

"Ich schreibe immer noch Bücher", sagt Ekkehard Kreft, "daneben machen wir all die Reisen, das ist die ideale Kombination." Mit vielen Tauschern pflegt Sigrid Kreft dauerhaft Kontakt, vor allem per E-Mail. Weil das Ehepaar häufig in die USA und nach Australien getauscht hat, läuft der Austausch auf Englisch. Sigrid Kreft findet, das sei "eine gute Übung" und fühlt sich am Rande des Münsterlandes international vernetzt.

   

Die Idee des Haustauschs für die Ferien ist in den 50er Jahren entstanden. Alle großen Organisationen stammen aus dieser Zeit. Fragt man nach ihrer Entstehung, sind nahezu identische Geschichten zu erfahren. Es sind Geschichten wie die des Lehrers David Ostroff, der 1953 in New York lebte, seine Wohnung zunächst mit Kollegen tauschte, dann begann, maschinengetippte Angebotslisten mit der Post zu verschicken. So gründete der Lehrer ein Netzwerk, lange bevor das Internet solche Ideen beflügelte.

In Großbritannien tat Jan Ryder das gleiche. Allerdings bestand ihre Tauschgemeinde aus Angehörigen der Armee. Irgendwann taten der New Yorker Lehrer und die Offiziersgattin aus England sich zusammen. Die Tauschagentur Homelink, bis heute eine der großen, war geboren.
 

Christine und Les Butts aus Christchurch, Neuseeland, sind schon zehn Jahre Mitglied. "Was soll Schlimmeres geschehen, als daß Gäste Rotwein auf den Teppich kippen, dachten wir anfangs", sagt Christine Butts, "wir hatten 21 Gäste und nicht einen Flecken." Die Butts touren jedes Jahr drei Monate durch Europa von Tauschhaus zu Tauschhaus. Ausgangspunkt ist stets London, allerdings kein Fremddomizil, dort lebt ihr Sohn. "In Deutschland gefallen uns vor allem die alten Schlösser", sagt Les Butts. Wo ihr Tauschhaus genau steht, ist egal. "Deutschland ist so klein", sagt Less Butts, "wir machen Ausflüge, weite Strecken sind wir gewöhnt."
 

Fremde Menschen im eigenen Haus, diese Vorstellung finden die Butts nicht befremdlich. Eher amüsiert sie die Frage danach. "Im Hotel weiß man auch nicht, wer vorher im eigenen Bett geschlafen hat", sagt Less Butts und lächelt alle Zweifel fort, als sei es selbstverständlich, sein Haus mit einem Hotel zu vergleichen.
 

Für ihr Domizil, spektakulär an einem Hang über dem Meer gelegen, bekommen die Butts unzählige Anfragen. Manchmal sagen sie zu, ohne selbst in das Tauschland zu reisen. Statt dessen ziehen sie um in ihr Wohnmobil und kurven dann durch die eigene Heimat. "Wir freuen uns, wenn Leute Neuseeland kennenlernen wollen", sagt Christine Butts.
 

Ein bißchen sei Haustausch wie Camping, findet Ekkehard Kreft. "Wer andere in sein Haus läßt, ist offen, neugierig, tolerant. Das ist eine ganz bestimmte Szene." Typisch für die Szene ist auch, daß Haustauscher den Aufenthalt ihrer Gäste perfekt vorbereiten. Da werden Willkommensbriefe und Notruflisten hinterlassen, Landkarten an Fahrräder geheftet, die Kühlschränke befüllt.
 

Manche Familien reisen erst nach der Ankunft ihrer Gäste los, um sie persönlich einzuweisen, Familie Huhn etwa aus Arnsberg. Nächste Woche fliegen die Huhns nach Kanada, es wird ihr 27. Tausch. "Wir waren schon sehr oft in den USA, jetzt ist der Norden dran", sagt Hildegard Huhn. Doch zuvor möchte sie mit ihrem Mann den kanadischen Gästen die Umgebung zeigen. "Viele unserer Nachbarn sprechen kein Englisch, da ist es besser, wir stellen die Leute persönlich vor und zeigen ihnen die wichtigsten Dinge", sagt Hildegard Huhn. Ein solcher Service ist für sie eine Selbstverständlichkeit: "Unsere Gäste sollen sich gleich wohlfühlen. Wir schlafen solange auf der Couch."

Dorothee Krings

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 Fremde allein zu Haus   vom 3. Okt 2004  

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