
Biete Dülmen, suche Neuseeland
Haustausch in den Ferien macht Traumreisen erschwinglich. Doch er kostet
die Privatsphäre
Beim ersten Mal waren Sigrid und Ekkehard Kreft noch vorsichtig. Das
Ehepaar aus Dülmen fuhr nur für ein Wochenende nach Holland in das Haus
eines fremden Ehepaars. Das machte sich exakt zur gleichen Zeit auf den Weg
nach Dülmen in das Haus der Krefts. "Wir wollten erst mal probieren, ob
Haustausch etwas für uns ist", sagt Sigrid Kreft.
Als sie zurückkamen, war in ihrem Zuhause alles in bester Ordnung, und
das Ehepaar hatte ein erholsames Wochenende in einem schmucken Bungalow
verlebt. Premiere geglückt, die Krefts wurden mutiger. Drei Monate später
flogen sie ins nächste Tauschhaus - diesmal nach Australien.
Sechs Jahre ist das jetzt her. Seitdem haben Sigrid und Ekkehard Kreft 26
Mal in fremden Häusern Urlaub gemacht und ebenso oft ihr Dülmener Domizil
anderen überlassen. Sie gehören zu den eifrigsten Haustauschern in NRW. "Wir
haben keine einzige schlechte Erfahrungen gemacht", sagt Sigrid Kreft: "Es
gibt keine bessere Art zu reisen."
Immer mehr Menschen tauschen in den Ferien lieber ihr Haus, als teure
Hotels zu bezahlen. Sie schlüpfen in das Nest einer fremden Familie, erleben
ein Land im Umfeld von Einheimischen. Der Preis ist die Privatsphäre. Die
Tauscher müssen ihr Zuhause öffnen und was ihnen lieb und wert ist Fremden
anvertrauen.
Die Vermittlung der Tauschpartner übernehmen Organisationen, die gegen
120 Euro Jahresbeitrag die Hausangebote im Internet veröffentlichen und
parallel dazu in farbigen Katalogen. Jedes Haus ist von innen und außen
abgebildet, außerdem erfährt der Interessent, ob Auto, Garten, Swimmingpool
zum Angebot zählen oder Haustiere zu versorgen sind. Für viele Tauscher ist
das Blättern in den Schöner-Wohnen-Reisekatalogen schon der halbe Spaß.
Die Tauschagenturen verzeichnen Wachstumsraten von jährlich etwa zehn
Prozent. Dabei sind die meisten als Vereine organisiert und machen keine
Werbung. Sie profitieren von dem, was Haustauscher in Internetforen als
"ihre Sucht" beschreiben: Die meisten fahren nie wieder pauschal in Urlaub,
lassen sich dagegen in immer entlegenere Erdwinkel treiben, wenn von dort
Tauschangebote eintreffen. "Für Deutsche ist es nicht leicht, gute Angebote
zu bekommen", sagt Sigrid Kreft, "da muß man aktiv werden, andere anmailen
und die Vorzüge seiner Region gut darstellen."
Sigrid Kreft hat es darin zu einer gewissen Professionalität gebracht. In
ihrem Haus hat sie sich inzwischen ein kleines Büro eingerichtet.
Vergrößerte Fotos von Palmen vor sinkenden Sonnen hängen an der Wand,
Reiseführer, Ordner, Broschüren füllen die Regale bis unter die Decke.
Sigrid Kreft nennt flüssig all die Namen ihrer Reiseziele rund um den
Globus, sie ist zu Hause in der Welt. "Man braucht einen Ausgleich, wenn man
in den Ruhestand geht", sagt sie. Bis vor ein paar Jahren hat sie in einer
Bauverwaltung gearbeitet, ihr Mann war Professor für Musikwissenschaft.
"Ich schreibe immer noch Bücher", sagt Ekkehard Kreft, "daneben machen
wir all die Reisen, das ist die ideale Kombination." Mit vielen Tauschern
pflegt Sigrid Kreft dauerhaft Kontakt, vor allem per E-Mail. Weil das
Ehepaar häufig in die USA und nach Australien getauscht hat, läuft der
Austausch auf Englisch. Sigrid Kreft findet, das sei "eine gute Übung" und
fühlt sich am Rande des Münsterlandes international vernetzt.
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 Die Idee des Haustauschs für die Ferien ist in den 50er
Jahren entstanden. Alle großen Organisationen stammen aus dieser Zeit. Fragt
man nach ihrer Entstehung, sind nahezu identische Geschichten zu erfahren.
Es sind Geschichten wie die des Lehrers David Ostroff, der 1953 in New York
lebte, seine Wohnung zunächst mit Kollegen tauschte, dann begann,
maschinengetippte Angebotslisten mit der Post zu verschicken. So gründete
der Lehrer ein Netzwerk, lange bevor das Internet solche Ideen beflügelte.
In Großbritannien tat Jan Ryder das gleiche. Allerdings bestand ihre
Tauschgemeinde aus Angehörigen der Armee. Irgendwann taten der New Yorker
Lehrer und die Offiziersgattin aus England sich zusammen. Die Tauschagentur
Homelink, bis heute eine der großen, war geboren.
Christine und Les Butts aus Christchurch, Neuseeland, sind
schon zehn Jahre Mitglied. "Was soll Schlimmeres geschehen, als daß Gäste
Rotwein auf den Teppich kippen, dachten wir anfangs", sagt Christine Butts,
"wir hatten 21 Gäste und nicht einen Flecken." Die Butts touren jedes Jahr
drei Monate durch Europa von Tauschhaus zu Tauschhaus. Ausgangspunkt ist
stets London, allerdings kein Fremddomizil, dort lebt ihr Sohn. "In
Deutschland gefallen uns vor allem die alten Schlösser", sagt Les Butts. Wo
ihr Tauschhaus genau steht, ist egal. "Deutschland ist so klein", sagt Less
Butts, "wir machen Ausflüge, weite Strecken sind wir gewöhnt."
Fremde Menschen im eigenen Haus, diese Vorstellung finden
die Butts nicht befremdlich. Eher amüsiert sie die Frage danach. "Im Hotel
weiß man auch nicht, wer vorher im eigenen Bett geschlafen hat", sagt Less
Butts und lächelt alle Zweifel fort, als sei es selbstverständlich, sein
Haus mit einem Hotel zu vergleichen.
Für ihr Domizil, spektakulär an einem Hang über dem Meer
gelegen, bekommen die Butts unzählige Anfragen. Manchmal sagen sie zu, ohne
selbst in das Tauschland zu reisen. Statt dessen ziehen sie um in ihr
Wohnmobil und kurven dann durch die eigene Heimat. "Wir freuen uns, wenn
Leute Neuseeland kennenlernen wollen", sagt Christine Butts.
Ein bißchen sei Haustausch wie Camping, findet Ekkehard
Kreft. "Wer andere in sein Haus läßt, ist offen, neugierig, tolerant. Das
ist eine ganz bestimmte Szene." Typisch für die Szene ist auch, daß
Haustauscher den Aufenthalt ihrer Gäste perfekt vorbereiten. Da werden
Willkommensbriefe und Notruflisten hinterlassen, Landkarten an Fahrräder
geheftet, die Kühlschränke befüllt.
Manche Familien reisen erst nach der Ankunft ihrer Gäste
los, um sie persönlich einzuweisen, Familie Huhn etwa aus Arnsberg. Nächste
Woche fliegen die Huhns nach Kanada, es wird ihr 27. Tausch. "Wir waren
schon sehr oft in den USA, jetzt ist der Norden dran", sagt Hildegard Huhn.
Doch zuvor möchte sie mit ihrem Mann den kanadischen Gästen die Umgebung
zeigen. "Viele unserer Nachbarn sprechen kein Englisch, da ist es besser,
wir stellen die Leute persönlich vor und zeigen ihnen die wichtigsten
Dinge", sagt Hildegard Huhn. Ein solcher Service ist für sie eine
Selbstverständlichkeit: "Unsere Gäste sollen sich gleich wohlfühlen. Wir
schlafen solange auf der Couch."
Dorothee Krings
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Fremde allein zu Haus
vom
3. Okt 2004
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