Not macht erfinderisch: Als der Amerikaner David Ostroff in
den 50er-Jahren als Gastdozent von einer Küste der USA zur anderen versetzt wurde, graute
ihm davor, seine Freizeit in einem Motel oder einer ungemütlichen Pension verbringen zu
müssen. Also klebte er einen Zettel ans Schwarze Brett der Uni: ,,Suche Kollegen, der
Haus in Kalifornien auf Zeit mit Haus in Boston tauscht." Der Deal klappte. Heute ist
daraus der ,die weltgrößte Vermittlungsorganisation für Haus-und Wohnungstausch
geworden, die vor allem von Urlaubern genutzt wird. Aber geht das wirklich gut, wenn man
fremde Leute in die eigenen vier Wände lässt?
,,Wir sind hellauf begeistert", sagt Friedrich Thimme (48). Der Lehrer; seine Frau
Johanna (48) mit den drei Kindern Juris (3), Lukas (5) und Isa (8) sind erfahrene
Häusertauscher. Im vergangenen Sommer haben sie mit einer vierköpfigen Familie aus dem
holländischen Castricum das Domizil gewechselt. Vater Friedrich: ,,Das Haus liegt direkt
an den Nordsee-Dünen, etwa 30 Kilometer von Amsterdam entfernt. Ein Naturschutzgebiet und
das Meer in direkter Nachbarschaft - so haben wir uns das vorgestellt."
Auch die Partner-Familie, Peter (35) und Henrietta Klut (36), die schon dreimal nach
Belgien und Deutschland getauscht haben, sind sehr zufrieden. ,,Im vorigen Jahr waren wir
am Bodensee, aber das Haus der Thimmes und die schöne Heidelandschaft bei Jesteburg haben
uns bisher am besten gefallen", sagt die zweifache Mutter.
Und wie funktioniert so ein Häusertausch? ,,Ganz einfach", sagt Manfred Lypold
(50), Geschäftsführer des Homelink Holiday Service e. V im bayerischen Memmelsdorf,
,,wer für 228 Mark Jahresbeitrag Mitglied wird, bekommt den 500 Seiten starken Katalog
mit 12 000 Tauschobjekten in über 30 Ländern zugeschickt. Das Angebot reicht vom
einfachen Stadt-Appartement bis zur Luxusvilla mit drei Schlafzimmern und Marmorbädern.
Man nimmt Kontakt mit einem möglichen Tauschpartner auf und verabredet den Termin direkt
mit dem Partner." Eine Statistik über Anzahl und Ort der Vermittlungen gibt es daher
nicht. Einen Trend kann Lypold aus manchen Rückmeldungen der "Tauscher" aber
erkennen: ,,Besonders beliebt bei den Deutschen war im letzten Jahr Kalifornien, gefolgt
von England und Australien."
Muss man keine Sorge haben, dass einem die fremden Leute die Wohnung verwüsten?
Offenbar nicht: ,,In 40 Jahren wurde von keinem Homelink-Kunden Diebstahl oder
Vandalismus bekannt", sagt Falk Murko, zuständig für den Bereich
Urlaub/Reisen bei der Stiftung Warentest.
,,Offensichtlich funktioniert das gegenseitige Vertrauen unter den Mitgliedern,
während Hotels und Vermieter von Ferienwohnungen Diebstähle und schonungslosen Umgang
mit dem Mobiliar beklagen", glaubt Homelink-Geschäftsführer Lypold.
Und wenn doch mal etwas zu Bruch geht? Dann springt die normale Hausrat- oder
Haftpflichtversicherung ein. Schäden bis 5000 Mark werden außerdem vom
Vereins-Garantie-Fonds abgedeckt.
Johanna Thimme wollte trotzdem vor dem ,,ersten Mal" wissen, wem sie die
Hausschlüssel anvertraut. ,,Wir haben auf die Familie gewartet, zusammen Kaffee getrunken
und sind dann beruhigt losgefahren."
Wo liegt der Vorteil des Häusertauschs? Hauptsächlich im Preis: Thimmes gaben früher
für ein Ferienhaus in Dänemark bis zu 6000 Mark für einen vierwöchigen Urlaub aus.
,,Jetzt fällt nicht nur der Übernachtungspreis am Urlaubsort weg, wir haben auch
Gewissheit, dass jemand während unserer Abwesenheit unser Haus bewohnt, die Pflanzen
gießt und die Kaninchen der Kinder füttert", sagt Johanna Thimme.
Und wie kommt jemand mit einer Zwei-Zimmer-Wohnung an einen Urlaub in einem Landhaus?
,,Kein Problem", weiß Manfred Lypold aus Erfahrung. Viele Tauscher suchen das, was
sie zu Hause nicht haben. Wer auf dem Lande lebt, macht gern Urlaub in einer Großstadt
und umgekehrt.
Trotz gutem Ruf und Absicherung - für manche Leute kommt der Haus- und Wohnungstausch
nicht in Frage. Ihre Argumente fasst Physiotherapeutin Susanne Dürr (36) zusammen: ,,Der
Gedanke, dass jemand in meiner Wohnung lebt, den ich nicht kenne, würde mich im Urlaub
nicht in Ruhe lassen. Es gibt einfach zu viele persönliche Dinge, zu denen ich Fremden
keinen Zugang geben möchte. Deshalb mache ich lieber weiterhin Urlaub im Hotel."
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