Süddeutsche Zeitung / 13.7.01 (Nr 159/Seite 45 München)

In bester Lage an der 79. Straße in NY 
Jürgen Scheferling, Harlaching: "In Santa Rosa, Kalifornien, hatten wir Probleme mit der Waschmaschine. Das Ehepaar, das bei uns an der Menterschwaige wohnte, hat uns per E‑Mail erklärt, welchen Knopf wir drehen müssen. Letztes Jahr waren wir in Vancouver, in Saint Malo und in New York. Dort haben wir in bester Lage an der 79. Straße gewohnt.''

Anke Wätjen, Pullach: "Vor zwei Jahren sind wir nach Irland gefahren, in das Haus der Byrnes. Die Byrnes waren bei uns in Pullach, haben nach den Katzen gesehen und waren von Bayern begeis­tert. Dass ihr wegfahrt, verstehen wir nicht, meinten sie. Ihr Haus liegt in Don­egal am Meer. Sie hatten uns ein Emp­fangsmenü bereitet und eingefroren. Als wir reinkamen, klingelte das Telefon, und sie haben uns erklärt, was wir auftau­en sollten. Heuer fahre ich mit meiner Tochter und einer Freundin aus Italien en nach Béziers. Die Franzosen wohnen im Haus meiner Freundin."

 Bernhard Fischer, Maxvorstadt: "Vor allem die Leute aus den USA sind ganz wild auf unsere Münchner Wohnung und auf unser Haus in Töging am Inn. Von dort fahren sie nach Salzburg oder Prag, drei Stunden Autofahrt sind für Amerikaner gar nichts. Wir waren in Los Angeles in einem Anwesen mit Pool. Und in Alahärmä in Finnland. Das war mal was ganz anderes. Vor allem die Sprache." 

Biete Parkettboden, suche Palmengarten
Viele Münchner tauschen ihre Wohnung gegen exotische Ferienziele – und sparen dadurch Geld

Von Philip Wolff
Eben mal von der Menterschwaige an die 79. Straße, von Harlaching nach Manhattan? Für zwei Wochen, bis auf Flug und Verpflegung, kostenlos: Für manche Münchner beginnt in diesen Tagen ein Urlaub, für den man nicht viel Geld braucht, aber Vertrauen. Sie tauschen ihre Wohnung oder ihr Haus mit Familien aus den USA, aus Brasilien, aus aller Welt. Mehr als 17 000 internationale Teilnehmer sind in Tauschnetzwerken organisiert. Voraussetzung ist einzig der feste Glaube an die Achtsamkeit der Gäste und für den Münchner Tauschfreund eine hübsch gelegene Wohnung, die so großzügig geschnitten ist, dass hin und wieder auch betuchte Residenten anderer interessanter Welt‑Ecken einziehen wollen. Sein "House in Holetown, Barbados " etwa preist jemand folgendermaßen im Internet an: "Luxusvilla im knapp einen Hektar großen Garten, italienischer Marmorboden, hohe Decken, Zedernholzmöbel, Personal: Koch, Butler und Gärtner. 274 Meter vom Strand entfernt".

     Der Münchner wirbt dagegen gern mit der Nähe der "beer gardens ", der "Alps" und des " Lake Stamberg". ‑ "Beschrei­ben Sie Ihr Heim ehrlich. Sicher möchten Sie Ihren Tauschpartner. nicht enttäu­schen", rät die größte europäische Ver­mittlungsorganisation, HomeLink. Und­ "Verschweigen Sie nicht, wenn Sie Haus­tiere haben." Ein Paar aus dem Münch­ner Westend (140‑Quadratmeter Apartment, Parkettboden, offene italienische Küche, Neun‑Quadratmeter‑Terrasse) verrät Interessenten sogar noch mehr: "Seit Michael Zigaretten raucht, suchen wir Tauschpartner, denen das nichts a ' aus­macht." Anke Wätjen, die ihr Haus im Grünen in Pullach anbietet, sagt: "Natür­lich treffen bei so einem Wohnungs­tausch mit den unterschiedlichen Kultu­ren auch verschiedene Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung aufeinander. Aber im Allgemeinen sind Leute, die so etwas machen, einfach total nett." Ihr mache ein wenig Unordnung sowieso nichts aus ‑ "manchmal ist es bei uns auch ein bisschen schrubbelig".

 Schrubbelig? Für einen Monat in der Nähe eines Skigebietes gäbe jemand für das entsprechende Pendant sein "House in Maresias, Sao Paulo" her: "Das luxuriöse Haus mit drei Wohnzimmern und Palmen‑Garten liegt nur einen Block vom Ozean entfernt. Der Ozean ist sauber und blau, und der Sand ist sehr weiß. Das Wetter ist immer heiß und sonnig." Ein echte Alternative zu Schwabing.

 Dabei waren es keine klimatischen Aspekte, auf die der sogenannte "home swap" zurückgeht. Der heutige Trend stammt aus Programmen zum Lehreraustausch zwischen deutschen und amerikanischen Universitäten. Eine 1952 gegründete Organisation hatte sich um die Unterbringung der Uni‑Angestellten gekümmert und ihnen auch den FerienAustausch von Küste zu Küste ermöglicht. In den USA wurde diese Urlaubsform schnell zum Trend, und es gründeten sich Tauschvereine. Die Mitglieder heute, sagen die Sprecher der Organisationen, seien meist Lehrer, Ingenieure oder Manager, viele seien auch pensioniert, die meisten hätten ein gutes Einkommen. Ärger gebe es selten, höchstens einmal wegen mangelnder Sauberkeit. Über Diebstähle hat sich bei HomeLink in 40 Jahren noch nie jemand beschwert.

 "Von wem war denn die Idee mit dem Wohnungstausch für die heißen Sommerwochen?"

 Dabei waren es keine klimatischen Aspekte, auf die der sogenannte "home swap" zurückgeht. Der heutige Trend stammt aus Programmen zum Lehreraustausch zwischen deutschen und amerikanischen Universitäten. Eine 1952 gegründete Organisation hatte sich um die Unterbringung der Uni‑Angestellten gekümmert und ihnen auch den FerienAustausch von Küste zu Küste ermöglicht. In den USA wurde diese Urlaubsform schnell zum Trend, und es gründeten sich Tauschvereine. Die Mitglieder heute, sagen die Sprecher der Organisationen, seien meist Lehrer, Ingenieure oder Manager, viele seien auch pensioniert, die meisten hätten ein gutes Einkommen. Ärger gebe es selten, höchstens einmal wegen mangelnder Sauberkeit. Über Diebstähle hat sich bei HomeLink in 40 Jahren noch nie jemand beschwert. Und über die Tausch‑Wohnungen in München offenbar auch nicht: Bayern und seine Hauptstadt liegen ganz oben in der Gunst der internationalen Touristen, die ihre Häuser in den USA, in Kanada und im tieferen Süden Europas für ein paar Wochen Deutschland‑Ferien eingetauscht haben. "Bei dieser Form von Urlaub lernt man die Länder viel intensiver kennen", sagt Anke Wätjen. Ihre Tauschpartner wurden in der Nachbarschaft zum Essen eingeladen. Sie haben sich um den Garten gekümmert ‑und für ein paar Wochen gelebt, wie die Pullacher eben leben. Im Grünen, in der Nähe der "Alps", der"beer gardens" und des"Isar river". Einige Gäste, so berichten Münchner Tauschfreunde, wollten anschließend gar nicht mehr nach Hause fahren. Nach Barbados, nach Sao Paulo oder in New Yorks 79. Straße.